Die Welt ist gut und ich glaube sogar es gibt Baumgeister wirklich

Meine Reise geht weiter. Nun habe ich mich endlich auf den Weg gemacht zu Fuß von Köln über Aachen nach Paris zu wandern. . . was für eine beschissene Idee. Am ersten Tag prallten sogleich die knallharte Realität und meine Easy-Peasy-Traumvorstellung aufeinander: Nicht, dass es nicht so war wie ich es mir vorgestellt hatte. Ganz im Gegenteil, eigentlich war es genauso nur noch viel besser! Es ging alles so einfach, wie von Zauberhand. So als wäre es genauso für mich geplant, warte ab, ich zeig dir wovon ich rede.

Ich packte meinen Rucksack und sortierte nochmal ein paar Dinge aus die ich vermutlich nicht brauchen werde. Am Ende war er aber doch ziemlich schwer. Ich habe vergessen ihn zu wiegen, war vielleicht auch ganz gut so. Ich denke er wird so um die 15 Kg wiegen. Ja das war auch schon der erste Teil. Der Rucksack würde verdammt schwer werden egal wie sehr ich aussortierte. Nach zwei Wochen reinen kreativen Daseins und Lottaleben begann nun der anstrengende Teil. Ich erspare dir die langweiligen Routendetails. Wichtig ist nur, dass ich am ersten Tag, also gestern, 50 km weit gekommen bin und davon 10km zu Fuß gelaufen. Der Körper macht mit es geht voran, es ist aber echt anstrengend. Trainingssache hoffe ich. Jetzt kommt der eigentlich sehr spannende Teil meiner Geschichte.

An meinem letzten Abend wurde für mich ein Abschiedsritual vollzogen. Es gibt keine Schublade in die man diese Frau, die Mutter meines Freundes stecken kann. Ist sie Schamanin? Ist sie ein Medium? Der menschliche Verstand sucht nach Bezeichnungen und möchte Dinge erklären und zuordnen. Meiner nicht. Oder vielleicht doch und ich höre nur einfach nicht hin? Was genau bei diesem Ritual passierte und was es mit mir gemacht hat erzähle ich zu einer anderen Gelegenheit. Wichtig ist nur, ich habe einen Talisman bekommen, eine Kette. Diese Kette wird mich schützen und geleiten. Nicht nur die Kette, es wird allgemein für mich und meinen Weg gesorgt werden und das habe ich gleich am ersten Abend wahrlich gespürt.

Rund 50km war ich nun von meinem Startpunkt in Hennef entfernt. Ich hatte meine sieben Sachen allesamt bei mir und suchte nach einem geeigneten Nachtlager. Mir fiel eine Grünfläche auf, ein wenig verdorrtes Gras hier und da. Ein paar Apfelbäume und Weiden. Eine besonders schöne Weide lud mich regelrecht ein, mich in ihrem schützenden Schatten niederzulegen. Der Wind fegte sanft durch ihre Zweige und aus ihrem Inneren kamen Rufe wie die eines alten Baumgeistes. Weiden haben hohle Stämme und es heißt, dass ihre Baumstämme das Tor zur Anderswelt sind.

Ich liebe solche Sagen und Mythen. Sie geben mir immer wieder das Gefühl wie unvorstellbar unser Universum ist, für unseren Verstand gar nicht zu begreifen.

Ich legte mich nieder unter ihren herabfallenden Ästen und lauschte dem Wind und den Rufen des Baumgeistes. Die Sonne glitzerte durch ihr Geäst und schenkte mich wohlig warme Temperaturen. Hier wollte ich bleiben. Die ganze Nacht am Fuße des Baumstammes liegen und die Sterne beobachten. Ich schlug also mein Zelt auf, den Zeltboden bestehend und das verbundene Dach aus Netzstoff. So war ich vor kleinen Tierchen geschützt und konnte trotzdem hinaus blicken. Ich lag so dort und träumte vor mich hin, von all den Abenteuern die ich jetzt erleben werde und von all den magischen Orten die ich besuchen werde. Als ich so vor mich hin dachte, beobachtete ich wie der Himmel zuzog und eine dunkelgraue Wolkendecke sich verdichtete. Der Wind wurde leicht stärker und ein zwei Vögel mehr flogen am Horizont wild übereinander.

Vielleicht nur eine kleine Wolke die sich hier leicht abregnet, habe ich mir gedacht und vorsichtshalber die wasserfeste Zeltplane übergestülpt. Die Konstruktion meine 1-Mann-Trekkingzeltes war eher für windstille laue Sommernächte gedacht. Der Wind fing sich immer wieder zwischen Plane und Netz und fegte das Dach fast weg. Ein Dutzend Heringe hatte ich in den Boden geschlagen um es zu fixieren und als ich alle größeren Lufträume verschloss fühlte es sich ein wenig stabiler an. Die Vögel beruhigten sich und auch der Wind wurde schwächer. Alles überstanden.

Mittlerweile wurde es bald acht Uhr abends. Die Sonne würde erst um halb elf untergehen. Doch irgendwie kam es mir trotzdem schon sehr dunkel vor. Ich suchte den Himmel ab und sah eine tiefgraue Wolkenwand auf mich zu kommen. Wieder wurde der Wind stärker und die Vögel waren nun nicht mehr zu ignorieren. Schnell suchte ich nach Lösungen für das herannahende Gewitter. Sollte ich bleiben und es aussitzen? Hatte ich eine gute Stelle gefunden um mein Zelt aufzuschlagen? Würde mein Zelt dem starken Regen und Wind sandhalten? Auf alle Fragen konnte ich nur eine Antwort finden: Ich war absolut unvorbereitet. Ich war ein bis zwei Kilometer von jeglichem Unterschlupf entfernt. Mein Zelt stand nahe einer Weide auf sonst fast leerem Feld. Die Plane flog schon beim Vorboten dieses Gewitter fast davon. Während ich über meinen nächsten Schritt nachdachte fing der Regen an herab zu prasseln. Dicke warme Tropfen die einer nach dem anderen drohten mein Zelt einstürzen zu lassen. Man kann nicht sagen, dass ich wirklich Angst hatte, doch ich war angespannt weil ich nicht sofort wusste, was nun das Beste war.

Der Regen wurde immer stärker und ich hörte da Donnergrollen 500m entfernt. Immerhin ein halber Kilometer versuchte ich es mir schönzureden. Wenn ich glück habe zieht es genau an mir vorbei. Nein, Madeleine. Du bist nicht wo du heute bist weil du rumsitzt, abwartest und auf das Beste hoffst. Du entscheidest wie dein Weg verläuft, sagte ich zu mir. Ich packte hastig alles wichtige zusammen, also alles was in den Rucksack passte plus Schlafsack und entschied mich in Regenschutzmontur den nächsten Unterschlupf aufzusuchen, vielleicht gab es eine Bushaltestelle, und meinem Zelt nur noch das Beste zu wünschen. Ich hoffe es bleibt stehen bis das Gewitter vorüber ist. Während ich völlig mit mir und meinem Kopf und der Situation beschäftigt war, donnerte das Sommergewitter über mir und regnete sich ab. Als ich alles gepackt hatte und bereit war zur Flucht lauschte ich. Die Vögel waren still., da war sogar ein Sonnenstrahl hinter der Wolkendecke. Die Luft war klar. Das Gewitter war vorüber. Ich atmete tief aus und legte dabei meinen Kopf in Nacken. Danke!

Ich gebe zu, wäre ich in dieser Situation zu zweit gewesen hätte wir einen Mordsspaß gehabt bei diesem kleinen Abenteuer. Aber ich war allein. Ganz allein ich trug die alleinige und volle Verantwortung meine Gefühle und Gedanken zu beherrschen. Mein Zelt war innen trocken geblieben, es war nur weniger Platz denn die nasse, schwere Plane hing an den Stäben genau wie die triefenden Äste der Weide. Die Sonne war noch immer untergegangen und ich lag rücklings in meinem Zelt und presste meine Augen zu. Ich musste nur noch wenige Stunden hier verharren. Ich machte mir keine Sorgen wegen der Dunkelheit. Ich hatte keine Horrorfantasien ich fühlte mich nur einfach nicht mehr geborgen. Anders als am Anfang, als mich die Weide mit ihren hängenden Armen empfing stand sie nun traurig und nass neben mir als wäre sie auch erschöpft. Die Temperaturen würden gegen Morgengrauen um mehr als zehn Grad sinken. Jetzt war mir heiß, später würde mir kalt sein. Die Stunden vergingen und ich konnte nicht schlafen. Es dauerte bis halb vier als ich endlich bemerkte, dass ich eingeschlafen war. Wie ich das bemerkte? Ich träumte. Gegen halb sechs wurde ich wieder wach. Es war nie richtig dunkel geworden hier. Jetzt war es Zeit aufzustehen und den neuen Tag willkommen zu heißen! Die Wiese um mich herum war klitschnass, mein Schlafsack war klamm und mir war kalt. Alle meine Kleidungsstücke waren warm und trocken und mein geliebter Wollmantel den ich so schwer mit mir trugspendete mir wohltuende Geborgenheit. So eine Nacht möchte ich nicht mehr erleben und das faszinierende ist. Die Nacht war gar nicht wirklich schlimm. Es war nur ein Vorgeschmack auf ein richtiges Unwetter, auf wirkliche Einsamkeit, auf Gedanken die lauter schreien und Ängste die hochkommen würden . . . wenn ich nicht auf mich achtete. Diese Nacht war eine Lektion und eine Botschaft meines geliebten Universums. Man muss nicht an etwas glauben um es spüren zu können, man muss nicht alles erklären können damit es wahr ist. Meine Kette die ich die ganze Nacht über fest umklammerte schickte mir diese eine Lektion die mir alle meine Fehler aufgezeigt hatte.

Noch in der letzten Nacht hatte ich für heute eine Mitfahrgelegenheit nach Aachen gebucht und eine Couchsurfing-Host gefunden der mich in der heutigen Nacht aufnehmen würde. Der Tag fing mit dieser wahnsinnigen Erkenntnis an und wenn ich so darüber schreibe wird mir ein wenig mulmig. Gott bin ich froh, dass das vorüber ist.

Es war inzwischen halb acht in der früh und ich wartete am vereinbarten Treffpunkt auf meinen Fahrer. Direkt neben einer Baustelle hatte ich mich niedergelassen, hier war nun mal der Treffpunkt. Die Bauarbeiter und ich tauschen ein “Guten Morgen” auf mit lächelnden Gesichtern. Heute würde ein guter Tag werden! Als ich so da saß und wartete, ich hatte noch gut 45 Minuten Zeit bis mein Fahrer kam, machten die Arbeiter ihre erste Kaffee-Pause. Ganz in Gedanken versunken erschrak ich als der süße, ein wenig dickliche Italiener mir einen Becher vor mein Gesicht hielt. “Magst du Kaffee? Ich habe einen Becher für dich dabei, wir können teilen!” Sagte er mit starkem Italiano-Akzent und grinste mich dabei an. Ich griff zu, bedankte mich und nahm den ersten Schluck. Ein perfekter Morgen. Die Welt ist gut! Wenn ich es dir doch sage, sie ist es wahrlich! Die kleine Geste wird mir ewig in Erinnerung bleiben, die Einfachheit etwas zu geben ohne etwas dafür zu verlangen. Nicht eine kleine Mimik die etwas anderes vermute ließ als einfach nur ein gutes Herz. Wir unterhielten uns und lachten, ich konnte mein Spanisch ein wenig üben, denn einer von den drei Männern kam aus Portugal und konnte auch fließend Spanisch.

Meine Reisegruppe kam und sammelte mich ein. Zu dritt fuhren wir weniger als eine Stunde nach Aachen und unterhielten uns angeregt! Irgendwie trifft man immer gleichgesinnte. Wir sind doch alle Reisende. Ich erzählte ihnen von mir, von Madeleine der Reisenden und lauschte ihren Geschichten, ein paar kleine Sehnsüchte konnte ich raushören. In Aachen angekommen wollte ich meinen Sold abliefern wie vereinbart und mein Fahrer, Frederik, kein Wechselgeld hatte, winkte nur ab und sagte: “Ach komm, du wirst es auf der Reise brauchen, lass stecken!” Ich bot ihm an es ihm auf PayPal zu schicken, doch er war sich sicher und ich dafür umso dankbarer. Verzückt über die Nächstenliebe der Menschen ging ich nun weiter meines Weges mit noch einem Muffin in der Hand, den ich von einer Mitreisenden bekommen hatte. Frisch gebacken für den 54. Geburtstag der Mama…mmhh. Danke!

Unter einem Ginko-Baum lies ich mich dann nieder und trocknete meine Sachen. Wunderschön dieser Ginko, hatte ihn noch nie zuvor in echt gesehen. Als ich wieder durch die Blätter hindurch das Tanzen der Sonnenstrahlen genoss, kam mir eine Idee nach der Anderen. Zukünftige Projekte, Reiserouten alles machte um so vieles mehr Sinn! Heute war ein grandioser Tag. Ich bekam eine warme Dusche und ein kuschliges Bett von meiner Gastgeberin Sanni aka. Sunny, weil sie wirklich ein Sonnenschein ist! Für morgen lud sie mich zum Baden im Ruhrsee ein und abends dann grillen im Park. Ich liebe dieses Leben und es hat gerade erst begonnen! Das mit dem Wandern und Zelten überlege ich mir aber nochmal. Zumindest erst ab San Sebastian bis dahin erstmal nicht.

Madeleine

LEAVE A COMMENT

RELATED POSTS